Hausregisseur Philipp Preuss über seine Inszenierung „Leonce und Lena“ am Theater an der Ruhr
Am 30. Mai gastiert das Theater an der Ruhr mit Georg Büchners „Leonce und Lena“ in der Regie von Philipp Preuss auf der Hinterbühne. Im Gespräch mit den Jungen Kritikern spricht Preuss über seine Arbeit an Büchners Lustspiel.
Wieso ausgerechnet Leonce und Lena? Was reizt Sie so an klassischen Theaterstücken?
Philipp Preuss: Es gibt bei Klassikern so etwas wie zeitlose Grundfragen unserer menschlichen Existenz,
die mich interessieren. Je mehr man auf einen Klassiker hinhaut und ihn untersucht, um so mehr wird er ja Klassiker, es ist gerade der Sinn und Eigenschaft des Klassikers, dass man ihn befragt, dekonstruiert, weiterdenkt, Details vergrößert, ihn ernst nimmt, umso größer wird der Klassiker. Bei Leonce und Lena ist das z.B. die Frage ob unser Leben determiniert ist, ob es Freiheit gibt, ob Sprache Bewusstsein oder Bewusstsein Sprache schafft, ob wir wirklich Freiheit und Liebe wollen oder nur das Bild davon, ob das Individuum ein immer hungriges Gesellschaftstier ist oder ob er gar nur ein Programm, ein Algorithmus ist, der sich erfüllt. Es gibt bei „Leonce und Lena“ das Bild der Maschinenmenschen, der Hybride, der künstlichen Intelligenz. Und da sind wir mitten in der Gegenwart. Die Frage hat uns sehr gefallen, ob man permanent Figuren zeigen kann, bei denen nicht klar ist, ob sie programmiert sind oder nicht.
Weshalb die Besetzung Leonces und Peters mit einem Schauspieler, gleichzeitig aber die Vervierfachung Valerios?
Da geht es auch um die Frage der Determiniertheit. Leonce will nicht wie sein Vater werden, dieser Vater will nicht mehr König sein. Am Ende wird Leonce genau dieser König werden. Das fanden wir in einer Doppelrolle eine konsequente Zuspitzung. Der vierfache Valerio wiederum ist ein anarchistisches Unterhaltungsprogramm, das Ende der Identität als Quartett, der geklonte Aufruf zu Rausch und Revolte, kurz: ein Algorithmus der Anarchie.
Büchner hat das Drama als „Lustspiel“ übertitelt. Was heißt das konkret für Sie und ist es damit eher Komödie oder Tragödie?
Es ist eine tragische Komödie oder eine komödiantische Tragödie, ein Vorläufer des absurden Theaters und des Existentialismus. Die Lust liegt im Spiel, in der Verdrängung, in der Lust am Sprachspiel. Der Körper ist bei Büchner immer Beweis unserer tragikomischen Gefangenheit in physische Gegebenheiten, bei „Woyzeck“ wird der kultivierte Gedanke des freien Willens mit dem unkultivierten Harndrang konterkariert und nicht umsonst heißen die Königreiche von Leonce und Lena „Popo“ und „Pipi“. Das sind ja 2 Diktaturen.
Im Stück taucht mehrmals die Forderung auf, Arbeit unter Strafe zu stellen. Es herrscht eine Art von Hedonie. Wie interpretieren Sie diesen Umstand?
Der Schwiegersohn von Marx, Paul Lafargue, postulierte ein paar Jahre nach Büchner das Recht auf Faulheit. Interessant finde ich, dass sich dieses Recht auf Faulheit, dieser Hedonismus gegen den Fleiß durchgesetzt hat und nun sogar gefordert und gefördert wird. Er ist Grundbaustein unserer Konsum- und medialen Freizeitgesellschaft, die Faulheit dient den Produkten, die fleißig konsumiert werden wollen, nicht umsonst sprechen wir heute von Prosumern. Was Büchner utopisch-dystopisch beschreibt, ist nichts anderes als unsere abgeschottete westliche Medien- und Tourismuswelt, die sich gerade in Virtual Reality-
Erlebnisprodukten vereint. Letztendlich führt dieser Ennui bei Büchner zu einer Melancholie, die begreift, dass jede Revolte gegen das System, das System nur stärker macht.
Können wir mit einer ähnlichen Ästhetik wie in „Ein Sommernachtstraum“ oder „Peer Gynt“ rechnen?
Ramallah Aubrecht hat ein großartiges Bühnenbild aus LED Schnüren gemacht, das die virtuelle Welt sehr trippig und abstrakt zeigt. Ein Bühnenraum, den es so bis dato noch nie gab. Es wird also auf jeden Fall bunt.

