Fragmente aus Gesprächen und SMS-Kommunikationen zwischen Regisseur Philipp Preuss und Dramaturg Sven Schlötcke. Auszüge aus dem Programmheft „Leonce und Lena“ des Theater an der Ruhr.

„Die Mülheimer Aufführung bespielt – hochvirtuos – den Automatenkomplex: die Fernsteuerung des Einzelnen durch Algorithmen, durch die Macht des Netzes in einer globalisierten Welt.“ Theater der Zeit | © Joachim Schmitz

 

 

Sven Schlötcke: Büchners Figuren denken und sprechen eine geborgte Sprache, die von Zitaten von Shakespeare bis Brentano nur so durchsetzt ist. Sie sind nicht Herr ihres Denkens, Sprechens, Fühlens und Träumens. Es scheint wie eine hellsichtige Vorahnung dessen, was die Wissenschaft erst im 20. Jahrhundert in Wallung bringt. Der amerikanische Neurophysiologe Libet führte 1979 eine Versuchsreihe durch, die unter dem Begriff Libet-Experiment bekannt wurde. Libet stellt fest, dass das Bewusstsein, beispielsweise die Finger krümmen zu wollen, erst nach dem Moment einsetzt, in dem das Gehirn bereits die Vorbereitungen für die Aktion begonnen hat. Libet wollte eigentlich den Dualismus von Körper und Geist bestätigen. Verzweifelt versuchte er dann das Ergebnis zu entschärfen, indem er behauptete, dass das ICH eine Art Vetorecht habe. Kein Wunder, dass Philosophen, Juristen und Geisteswissenschaftler sich bis heute herausgefordert fühlen. Wo bleibt da die Willensfreiheit und die Verantwortung für das „eigene“ Handeln, wenn der Mensch neuronal programmiert ist?       

Georg Büchners Lustspiel gilt als „Perle der deutschen Komödienkunst“. | © Joachim Schmitz


Sven Schlötcke
: Das klingt erstmal nicht nach Komödie. Das klingt eher nach Beckett, nach Sartre, nach Absurdem Theater. Aber die Komik entsteht bei Büchner ja aus der Tragik der Unentrinnbarkeit, der menschlichen Begrenztheit. Das Spiel, der Sprachwitz sind ja Folge des Bewusstseins über den eigenen Zustand und den der Welt.

Philipp Preuss
: Ja. Nichts ist komischer als das Tragische. Auf den verpassten Selbstmord folgt sogleich der nächste Witz. Das ist das gemeine bei Büchner: Kaum eröffnet sich scheinbar die Möglichkeit, sich doch aus den vorgezeichneten Verhältnissen zu befreien, schließt sich die Tür wieder. Das ist nicht die romantische Exit-Strategie. Da war Büchner eher Antiromantiker, der gesagt hat: Du wirst trotzdem in der Ehe landen und du wirst genauso werden wie dein eigener Vater, obwohl du aus diesem ganzen System doch eigentlich raus willst, aber je mehr du wegrennst, desto mehr kommst du genau zu diesem Ziel. Daraus erwächst Tragik und Komik, weil Leonce dann nichts anderes übrigbleibt, als sich immer wieder in den Witz, ins Dada, ins Spiel zu begeben. Das Spiel wird quasi erzwungen.

© Joachim Schmitz

 

 

Sven Schlötcke: Die übersteigerte, hedonistischen Spaßgesellschaft, die am Ende des Stücks ausgerufen wird, in der, wer arbeitet unter Strafe gestellt wird, ist ja auch wieder eine Art Gefängnis, das mit „Brennspiegeln“ umstellt wird, um ewigen Sommer herzustellen. Dann muss man nicht mehr nach Italien.

Philipp Preuss: Es ist eine heitere Form von Kapitulation, die zum Widerspruch, zum Widerstand auffordert. Mehr ist unmöglich. Sie sagen am Ende, dann machen wir eben gar nichts mehr, dann bleiben wir hier und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen und konsumieren. Wir ändern hier nichts! Wir treiben es einfach auf die Spitze! Das ist Kapitulation.
Aber in der Übersteigerung steckt Provokation, Aufforderung zum Widerspruch. Bei Büchner sind Unmöglichkeit und Möglichkeit, Tragik und Komik immer gleichzeitig anwesend, wie Licht und Schatten. – Man scheint aufgefordert zu fragen: Wer ist da hinter den Brennspiegeln und versorgt uns? Da müssen doch viele draußen gehalten werden, oder? – Diese hyperhedonistische Vision des Nichtstuns, der Zeitlosigkeit erlöst vielleicht wenigstens von diesem inneren Druck, von diesem inneren Herrschaftssystem, das sagt: du musst funktionieren, dich optimieren, um scheinbar frei zu sein. Es ist eine Art „fröhliche“ Agonie ohne Ende. Was bleibt uns übrig? Da gibt es doch von Joan Baez dieses Lied „Here’s to you“, das von zwei in Amerika in den zwanziger Jahren hingerichteten Anarchisten handelt, indem es heißt: „Agony is your triumph“.