Hausregisseur Philipp Preuss im Gespräch über seine aktuelle Inszenierung „Peer Gynt“ auf der Großen Bühne

Am 28. Januar feiert Hausregisseur Philipp Preuss mit „Peer Gynt“ Premiere. Nach „Ein Sommernachtstraum“ ist Ibsens Drama bereits seine zweite Inszenierung auf der Großen Bühne. Der Musiker Kornelius Heidebrecht, der schon beim Sommernachtstraum die musikalische Leitung übernahm, wird für „Peer Gynt“ eine eigene Komposition entwerfen, die von ihm gemeinsam mit drei Sängerinnen live auf der Bühne umgesetzt werden wird. Einen ersten Eindruck von Preuss' Arbeit und Inszenierungsansatz gibt das nebenstehende Gespräch sowie ein Video-Mitschnitt.

„Sex, Drugs & Felix Mendelssohn Bartholdy ... und Horror“ – so MDR Figaro über Preuss' Adaption des Shakespeareschen Sommernachtstraums. Die Wiederaufnahme in Kooperation mit dem Gewandhausorchester ist am 8.4.17.
© Rolf Arnold

 

 

Vita Philipp Preuss
Philipp Preuss wurde 1974 in Bregenz geboren. Er studierte Regie und Schauspiel am Mozarteum Salzburg und arbeitet seit 2001 als freier Regisseur und bildender Künstler. Seine Inszenierungen liefen u. a. am Schauspielhaus Bochum, Theater Dortmund, Schlosstheater Moers, Theater an der Ruhr in Mülheim, Schauspiel Frankfurt, Residenztheater München und am Deutschen Theater Berlin. Er war 2005 zum Festival „Radikal jung“ eingeladen und wurde u. a. 2003 mit dem Preis der internationalen Bodenseekonferenz für Bildende Kunst, 2007 mit dem Förderpreis des Landes NRW und 2012 mit dem Publikumspreis und dem Preis der Jugendjury des NRW-Theatertreffens ausgezeichnet. Zu seinen aktuellen Arbeiten zählen u. a. „Der Fremde“ von Albert Camus an der Schaubühne Berlin, Kafkas Romanfragment „Amerika“ am Schauspiel Frankfurt und Shakespeares „Romeo und Julia“ am Volkstheater Wien. Preuss inszeniert zudem Ausstellungen mit fiktiv-virtuellen Künstlerfiguren, die von Schauspielern dargestellt werden — er erweitert den Theaterbegriff in den Bereichen der bildenden Kunst. Seine Ausstellungen waren u. a. in Bregenz, Wien und Mailand zu sehen. Seit der Spielzeit 2015/16 ist er Hausregisseur am Schauspiel Leipzig und inszenierte bisher „Der Reigen oder Vivre sa vie“, „Wolokolamsker Chaussee I – V“ und „Ein Sommernachtstraum“ und setzte die Installation „The Fair Play“ in der Residenz um.              

Philipp Preuss untersuchte in „The Fair Play“ die Kunstmesse als profanisiertes Hochamt, den Event als Flohmarkt und die Messe als zeitgenössische und radikale Form des inszenierten Readymade-Kuratierens. Die Installation fand im Rahmen des Spinnereirundgangs vom 29.4. bis 1.5.16 in der Residenz statt.
© Rolf Arnold

 

 

„Peer Gynt“ von Henrik Ibsen. Premiere am 28. Januar. | © Rolf Arnold

Verbindet die beiden Inszenierungen, „Ein Sommernachtstraum“ und „Peer Gynt“, für Dich etwas?

Philipp Preuss: Die Arbeit ist eine Fortsetzung an einer Erforschung einer ästhetischen Traumlogik, einer künstlerischen Traumgrammatik, wie schon beim Sommernachtstraum oder bei Strindbergs „Traumspiel“ oder Kleists „Käthchen“ am Schauspiel Frankfurt. Mittels Raum, Licht, Video, Musik, Figuren-Aufsplittung und Identitätszersplitterung probieren wir an nichts geringerem als an einem Psychedelischen Theater, wir arbeiten uns ab am „Lob des Surrealismus“.

Was treibt Peer Gynt an? Warum die Aufteilung in mehrere Peers?

Peer ist ein Getriebener, raus dem bürgerlichen Leben, versucht er sich zu suchen, sich fliehend zu finden. Eine Lebensreise ans Ende der Nacht. „Peer Gynt“ ist das Stück des Ichverlusts, der Identitätsaufteilung, der Entdeckung des Unbewussten. Wie sagt Rimbaud ein halbes Jahrhundert später: « Je est un autre ». Peer hat keinen Kern, er ist der Prototyp des flexiblen Menschen, der sich wie wir in Schalen und Identitätsversuche wirft.

Welche Rollen haben Musik/Gesang/Sprache?

Musik ist ein Türöffner ins Unbewusste, worüber man nicht reden kann, darüber kann man singen. Und die Sprache bei Peer Gynt ist ein Gedicht, Peers Handwerkszeug des Erfindens, Lügens und Hochstapelns.  Wie sagt Blixa Bargeld so schön: „Da wo was leckt, da muss eine Dichtung rein“.

Interpretierst Du Peer Gynt politisch?

Peer Gynt ist die politische Biografie des Westens, sei es die Utopie der Freiheit, sei es Kolonialismus. Der patriarchale Peer, der sich befreien will von kleinbürgerlichen Konventionen, der andere ausbeutet und Länder kolonialisiert, Religion als Machtinstrument anstimmt, der immer jung bleiben will, der in Männerphantasien Realitäten erschafft und dabei egoistisch über Leichen geht. Ein heteronormatives Epos, Liebe eine ewig verschiebbare Projektion und Peers Lügen neuerdings Wahrheiten, Peer Gynt, das role model für alternative Facts.